Zahnheilkunde : Versuch einer historischen Analyse ihres Wesens / von Walter Artelt.
- Artelt, Walter, 1906-
- Date:
- 1933
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Credit: Zahnheilkunde : Versuch einer historischen Analyse ihres Wesens / von Walter Artelt. Source: Wellcome Collection.
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![in den ägyptischen Papyri verkörpert ist oder in den Keilschrifttafeln Babyloniens und Assyriens, oder auch noch in der Sammlung hippokratischer Schrif¬ ten. Wie das Wesen dieser vorwissenschaftlichen, archaischen Medizin, soweit sie nicht magisch-religiös gebunden ist, in einer Sammlung von praktischen Erfahrungen und einer Ableitung von Kegeln und auch von Theorien aus derartigen Erfahrungen besteht, so auch das der in ihr beschlossenen Zahnheilkunde. Beobach¬ tungen am erkrankten Zahnsystem werden auf gezeichnet, diagnostische und prognostische Kegeln aus ihnen abge¬ leitet; Medikamente, chirurgische Handgriffe — etwa die zweckmäßigste Methode, einen luxierten Unterkiefer ein¬ zurenken, wie sie ganz gleichartig im Papyrus Edwin Smith und im Corpus Hippocraticum beschrieben wird — diätetische Vorschriften, die sich als wirksam erwiesen haben, empfohlen und tradiert. Die Empirie ist die Grundlage all dieser Aufzeich¬ nungen über die Krankheiten des Zahnsystems und ihre Heilung, soweit es sich nicht um Beschwörungsformeln handelt. Erst sekundär entstand das Bedürfnis, diese Wirksamkeit kausal zu erklären, das aetiologische Bedürfnis. So erscheint etwa im Corpus Hippocraticum eine Kariestheorie — nach welcher der Schleim als allge¬ meiner Entzündungserreger, die Speisen und die konstitu¬ tionelle Beschaffenheit der Zähne die Karies bedingen — einer Aufzählung von therapeutischen Maßnahmen bei Zahnschmerz als „Anhängsel“ angefügt, nicht aber voran¬ gestellt und zu Grunde gelegt. Und die avSpa^VT] war sicherlich längst als empirisch gefundenes und erprobtes Mittel gegen das Gefühl des Stumpfwerdens der Zähne nach Säureeinwirkung im Gebrauch, ehe ein Schüler des Aristoteles, der Verfasser der „problemata physica“, die Frage nach dem „Warum“ der Wirkung stellte und sie zu lösen suchte. So wurzeln die konservierende und ope¬ rative Zahnheilkunde wie die Hygiene und Diätetik des Zahnsystems in der archaischen empirischen M e d i- z i n. Als Vorzug dieser Abkunft von der Medizi n resultierte für den von der Medizin umschlossenen An¬ teil der Zahnheilkunde eine selbstverständliche Berück¬ sichtigung der Zusammenhänge zwischen Zahnsystem und Or ganismus, und zwar in beiden Richtungen: der Er¬ scheinungen an den Zähnen als Symptom für den allge¬ meinen Zustand des Körpers und der Auswirkung be¬ stimmter Allgemeinerscheinungen des Körpers auf die Zähne. Als Beispiel für die verständige Wertung dieser Zusammenhänge sei auf die hippokratische Beobachtung](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b30629433_0004.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)