Kritik der modernen Theorien über die Pathogenese der Basedow'schen Krankheit / von G. Buschan.
- Buschan, Georg, 1863-1942.
- Date:
- 1894
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Credit: Kritik der modernen Theorien über die Pathogenese der Basedow'schen Krankheit / von G. Buschan. Source: Wellcome Collection.
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![pathologisclie Erscheinüngen. Stühle sind fest: die Untersuchung des Harns ergab nichts Ahuormes. Die Exstirpation oder die Zerstörung der Nebennieren wurde theils zu physiologischen Zwecken, theils in der Ab- sicht, die A d d i s 0 n’sche Krankheit experimentell zu erzeugen, schon zu wiederholten Malen, allerdings mit ver- schiedenem Erfolge ausgeführt. So fand Brown-Sequard (1) nach sehr zahlreichen und an verschiedenen Thieren ange- stellten Untersuchungen, dass die Nebennieren lebenswich- tige Organe seien, indem deren Entf ernung sehr schnell und beiweitem sicherer als der Verlust der Nieren den Tod der Thiere herbeiführe, und zwar durchschnittlich nach 17^ 2 Stunden, während Gratiolet (2) eine mittlere Lebensdauer von 48 Stunden beobachtete. Auch T i z z 0 n i (3) hat bei Kaninchen und später bei Hunden der Exstirpation beider Organe immer den Tod folgen gesehen, bei letzteren späte- stens nach 52 Stunden, ohne dass sich eine andere Todes- ursache auffinden liess; noch vor 2 Jahren haben Abelous und Langlois (4), welche bei Fröschen die Nebennieren durch Kauterisation zerstört hatten, berichtet, dass die totale Zerstörung beider Organe regelmässig den Tod nicht später als 48 Stunden nach der Operation bedinge und Do minieis (5) nach den in diesem Jahre angestellten Versuchen gefunden, dass die Thiere die Exstirpation beider Nebennieren nur um wenige Stunden überleben, obgleich schon auf der Versamm- lung deutscher Naturforscher und Aerzte im Jahre 1857 durch H a r 1 e y (6), weiter durch Philippeau (7), Riesel (8), Stilling (9), Burger (10) und insbeson- deredurch die ausgedehnten Untersuchungen Nothnagel’s (11) die Unhaltbarkeit dieser Anschauung nachgewiesen worden war. — Nothnagel hat 153 Kaninchen beide Nebennieren mit einer Pinzette zerquetscht und gefunden, dass die Thiere trotz der Umwandlung des Nebennierengewebes in entzünd- liche, käsige Geschwülste, Wochen, Monate, ja Jahre lang fortleben können, ohne auch nur geringe Anzeichen von Hin- fälligkeit, Schwäche und Anämie zu zeigen. Von unseren Hunden haben 7 allerdings noch im Ver- laufe einer Woche nach der Exstirpation beider Nebennieren verendet; doch 2 Hunde konnten wir erhalten, von denen einer, wie bereits oben bemerkt worden, beiläufig 4 Wochen nach der Operation getödtet werden musste, während der andere noch jetzt, d. i. 4 Monate nach der an ihm vorge- nommenen beiderseitigen Nebennierenexstirpation, lebt und keinerlei pathologische Verhältnisse auf weist. Als Todesursache liess sich in 2 Fällen Peritonitis, be- ziehungsweise Abszess nachweisen, in 1 Falle kann man die während die Operation besonders starke Blutung aus der Vena cava für den Exitus verantwortlich machen, während sich hei 4 Thieren keine anatomisch nachweisbare Todes- ursache auffinden liess. Doch hatte die Ausführung der Ope- ration bei diesen besondere Schwierigkeiten, wodurch die den Nebennieren anliegenden Nervenstämme und Ganglien wohl auch in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Viel- leicht kann man hiemit die Todesursache in Beziehung bringen, zumal auch die in 3 Fällen beobachtete hochgradige Anämie der Abdominalorgane auf eine Reizung des Bauch- sympathicus zurückzuführen sein dürfte. Wie aus den Protokollen zu entnehmen ist, habe ich nächst den Gewichtsverhältnissen und der D a rm- funktion dem Verhalten der Temperatur ein be- sonderes Augenmerk geschenkt. Letztere ist bei unseren Hunden nach der Operation in 2 Fällen um 3® C., in 3 Fällen um je 3’5®, je einmal um 3'9, 4‘0 und 4'3® C., end- lich bei einem Thiere um 7®C., nämlich von 40 auf 33® ge- sunken. Die niedrigste bei unseren Versuchen beobachtete Temperatur betrug 26‘2 C. Schon Brown-Sequard (1. c.) konnte eine Ab- nahme der Eigenwärme nach Exstirpation beider Neben- nieren konstatiren ; ferner hat Samuel (12), welcher den Einfluss der einzelnen Organe auf die Wärmebildung im Körper prüfen wollte, nachdem er kräftigen Thieren beide Nebennieren exstirpirt hatte, die Temperatur rasch sinken ge- sehen, so in einem Fal le von 39’5® auf 28® C. Ich habe auch in dem von mir beschriebenen Falle von Nebennierensarcom (13) abnorm niedrigere Temperaturen am ] Krankenbette gemessen und damals, wie schon eingangs er- . wähnt, die Vermuthung ausgesprochen, dass sich dieselben | für die Erkennung der Erkrankungen der Nebennieren und J der ihnen angrenzenden Nervengebilde in Hinkunft vielleicht i verwerthen lassen werden. In der That ist es mit Rücksicht ] hierauf auf der Abtheilung des Herrn Prof. Dräsche i gelungen, in einem Falle von Lungentuberkulose auch die i später durch die Sektion bestätigte Tuberkulose der Neben- \ nieren intra vitam zu diagnostiziren, wiewohl andere Erschei- i nungen fehlten. (FortsetznDg folgt.) , 1 Kritik der modernen Theorien über die Patho- genese der Basedow’scheii Krankheit.*) i Von Dr. med. et pMl. G. BUSCHAN in Stettin. Ueber die Pathogenese der B a s e d 0 w’schen Krankheit stehen sich zur Zeit drei Theorien gegenüber und geben in der Literatur zu dem heftigsten Meinungsaustausche Anlass. ’ Die eine derselben stellt als ursächliches Moment eine pri- | märe Erkrankung der Schilddrüse (chemische Veränderung) j hin; die zweite spricht sich für eine funktionelle Läsion entweder des ganzen Gehirns oder bestimmter Bezirke dessel- ben aus; die dritte endlich nimmt eine organische Veränderung im 4. Ventrikel, bezw. im Vaguskerne an. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, an diesen Theorien Kritik zu üben, und zwar will ich mich vornehmlich mit der ersten beschäftigen, mit der sogenannten Vergiftungstheorie, die zwar vermuthungs- weise von Helfft, Egeberg und Bouillaud schon vor 40 Jahren aufgestellt worden ist, ihren weiteren Ausbau aber erst in Gauthier und besonders Möbius gefunden ) hat; ihr pflichten aus leicht begreiflichen Gründen auch die meisten der Chirurgen bei. Professor Möbius, der anerkanntermassen für den rührigsten Forscher auf dem Gebiete der B a s e d 0 w’schen Krankheit gilt, hat seine Ansicht in seiner bekannten Arbeit über die B a s e d 0 w’sche Krankheit (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilkunde 1891, I, S. 400 u. f.) wie folgt formulirt : 1. Wahrscheinlich ist die nächste Ursache der B a s e- d 0 w ’s chen Krankheit eine krankhaft veränderte Thätigkeit der Schilddrüse. Diese Vermuthung stützt sich : a) auf die Aehnlichkeit, bezw. Gegensätzlichkeit zwi- schen der B a s e d 0 w’schen Krankheit und anderen Formen des Siechthums, die auf einem Mangel der Schilddrüsenthä- tigkeit beruhen, der Cachexia strumipriva, dem Myxödem, dem Kretinismus ; b) auf die Thatsache, dass zu beliebigen Kröpfen Zeichen der B a s e d 0 w’schen Krankheit in mehr oder minder grosser Zahl hinzutreten können ; c) darauf, dass operative Behandlung der Struma die Bas edo w’sche Krankheit unter Umständen wesentlich zu beeinflussen scheint. 2. Ueber die Ursache der primären Schilddrüsenerkran- kung wissen wir bis jetzt nichts. Erwägungen allgemein- pathologischer Art führen sowohl bei der B a s e d 0 w’schen Krankheit, als bei dem Myxödem zu der Vermuthung einer Giftwfirkung. So plausibel und apodiktisch diese Sätze auch klingen, so lassen sich dennoch gegen sie eine ganze Reihe ernster Bedenken Vorbringen. Die B a s e d 0 w’sche Krankheit beruht also auf einer krankhaft veränderten Thätigkeit der Schilddrüse. Diese These stützt Möbius zunächst durch die Aehnlichkeit bezw. *) Vortrag, gehalten in der 66. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien. (Gemeinsame Sitzung der Abtheilnngen für interne Medizin, Chirurgie, Psychiatrie und Neurologie, Ohrenheilkunde, Laryngologie und Ehinologie.)](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22325463_0004.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)