Der Volksglaube als Wegbereiter der Bluttransfusion / von Walter Artelt.
- Artelt, Walter, 1906-
- Date:
- 1941
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Credit: Der Volksglaube als Wegbereiter der Bluttransfusion / von Walter Artelt. Source: Wellcome Collection.
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![dem Volksglauben evident. Man will verjüngen, Eigenschaften mit dem Blut übertragen: alte, lahme, taube Tiere sollen „auf¬ gefrischt“ werden* Furchtsame Tiere will man mutig machen. Man ist so in diesen volkstümlichen Vorstellungen befangen, daß auch der Blick des Experimentators vielfach getrübt wird. So« glaubt Lower feststellen zu können, daß ein Tier nach der Über¬ leitung fremden Blutes von einem jugendfrischen Tier alacrior forte et vegetior geworden sei, als es zuvor mit seinem eigenen war. Auch bei den ersten Versuchen am Menschen erscheint der Gesichtspunkt der Blutvermehrung nur nebenbei. Man entleert mit einer Kanüle das „alte“ Blut, wenn man vermittels einer anderen \ , . Kanüle neues zuführt. Man will etwa — entsprechend den volks¬ tümlichen Vorstellungen — einen Schlafsüchtigen oder einen Irr¬ sinnigen dadurch heilen, daß man sein eigenes Blut ableitet und durch fremdes Blut ersetzt. Der geistesgestörte Theologe Arthur Coga, der durch die Übertragung von Lammblut im J. 1667 hatte geheilt werden sollen, nennt sich in seiner vergnüglichen Adresse an die Royal Society über die Folgen der Transfusion „Agnus Coga“, denn er sei ja durch die Zuführung von Lammblut eine neue species geworden1)! Johannes Sigismund Elsholtz erörtert gar, ob man nicht durch gegenseitige Blutübertragung verfeindete Ehegatten oder Geschwister aussöhnen könne2). Es kam, wie es kommen mußte. Die Transfusion konnte die Erwartungen, die man auf Grund der alten volkstümlichen An¬ schauungen mit ihrer Erprobung an Tier und Mensch verbunden hatte, unmöglich erfüllen. Fehlschläge waren unvermeidlich, weil das mit der Blutübertragung verbundene Risiko unvergleichlich größer War als heut. Die Transfusionsbegeisterung ebbte ebenso schnell wieder ab, wie sie gekommen war. Späteren Jahrhunderten blieb es Vorbehalten, die theoretischen und praktischen Voraus¬ setzungen für eine erfolgreiche Durchführung der Blutübertragung zu schaffen. 3) Vgl. ebenda S. 527f. 2) J. S. Elsholtz, Clysmatica nova, 2. Aufl. ([Berlin-] Kölln) 1667) S. 59 f.; vgl. Leonard Landois, Die Transfusion des Blutes in ihrer geschichtlichen Ent¬ wicklung und gegenwärtigen Bedeutung. Wiener Med. Wschr. 17 (1867) Sp.578. Anschrift des Verf.: Frankfurt a. M., Gartenstr. 132 [Bei der Redaktion in Dresden eingegangen am 6. Juni 1941]](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b30631725_0006.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)