Das Augensittern der Bergleute : sein Krankheitsbild und seine Entstehung dargestellt an mehr als 500 selbst beobachteten Fällen / von Johannes Ohm.
- Ohm, Johannes, 1880-1961.
- Date:
- 1912
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Credit: Das Augensittern der Bergleute : sein Krankheitsbild und seine Entstehung dargestellt an mehr als 500 selbst beobachteten Fällen / von Johannes Ohm. Source: Wellcome Collection.
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![1. Einleitung. Die Arbeiter in Kohlenbergwerken, hier gewöhnlich Bergleute genannt, haben unter zwei wichtigen Berufskrankheiten zu leiden, nämlich Wurmkrankheit (Ankylostomiasis) und Augenzittern (Nystagmus minorum). Während die Wurmkrankheit auch bei andern Berufen vorkommt, z. B. bei Zieglern und Tunnelarbeitern, und erst später in die Gruben eingeschleppt wurde, ist das betreffende Augenzittern eine den Bergleuten ganz eigentümliche Krankheit. Dank umfassenden Massnahmen ist die Wurmkrankheit, die nicht nur das allgemeine Wohlbefinden, sondern auch das Leben bedroht, sehr zurückgedrängt; das Augenzittern ist aber noch immer als eine wahre Kalamität des Bergbaues zu bezeichnen. Wenn es auch das Leben nicht gefährdet, so ist es doch eine von den Betroffenen schwer empfundene Plage, da es ihre Arbeitsfähigkeit und damit ihren Ver- dienst im kräftigsten Mannesalter sehr beschränkt. Wegen seiner grossen Verbreitung und seiner damit zusammen- hängenden volkswirtschaftlichen Bedeutung ist es nicht nur Gegen- stand ärztlicher Untersuchungen, sondern auch staatlicher Erhebungen gewesen. So z. B. hat sich das belgische Parlament in seiner Sitzung vom 8. Juni 1909 damit befasst. Wesen und Entstehung des Augenzitterns der Bergleute sind auch heute noch heissumstrittene Probleme, an deren Lösung ich seit vier Jahren ununterbrochen mit zu arbeiten bestrebt war, da ein grosser Teil meiner Berufsarbeit den Bergleuten gewidmet ist und das Augen- zittern insbesondere mir täglich unter die Augen kommt. Geschichtliches. Das Augenzittern der Bergleute erscheint um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf der Bildfläche. Die englische, deutsche und französische Zunge streiten sich um den Ruhm der Entdeckung. In England soll Dr. Gillot (Sheffield) im Jahre 1858 die erste Beobachtung dieses Leidens gemacht haben [661), S. 15]. In Deutschland hat Pepp- müller, wie Graefe (9, S. 231) mitteilt, von 1860—1863 mehrere Fälle in Zwickau gesehen. Die literarische Priorität gebührt dem belgischen Augen- arzt Dr. Deconde in Lüttich, der 1861 die erste Beschreibung des Leidens in den Annales d'oculistique veröffentlicht hat(l). Die eigentliche wissenschaftliche Erforschung des Augenzitterns beginnt aber erst in den siebziger Jahren und ist an die Namen Nieden, Dran- sart, Snell und Romiee geknüpft. Diese Forscher, die inmitten eines x) Die Zahlen beziehen sich auf das Literaturverzeichnis.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21287624_0010.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)