Die Anatomisch-Pathologischen Sammlungen Berlins im 18. Jahrhundert / von Walter Artelt.
- Artelt, Walter, 1906-
- Date:
- [1936]
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Credit: Die Anatomisch-Pathologischen Sammlungen Berlins im 18. Jahrhundert / von Walter Artelt. Source: Wellcome Collection.
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![erwähnte entsprechende preußische Verordnung von 1776 und selbst noch die von 1811 nur die Ablieferung von Mi߬ geburten verlangen. In Berlin konnte Johann Gottlieb Walter 1802 stolz bekennen, daß er mit seinem Museum „den bisher so vergeblich geäußerten Wunsch, die Anatomie der gesunden mit der Anatomie der kranken Theile zu ver¬ binden, vollkommen erfüllt habe“17. Das Hauptziel der Privatsammlungen war, wie schon gesagt, die Befriedigung der Sammelleidenschaft. Das Hauptziel der von öffentlicher Hand übernommenen und er¬ richteten Sammlungen aber war der Lehrzweck. Sie standen gewöhnlich in Verbindung mit einer Lehrstätte für Anatomie, einem Theatrum anatomicum. In diesen anatomischen Theatern mußten seit dem 18. Jahrhundert die Schüler — Studierende der Medizin wie werdende Militärwundärzte — selbst präparieren und trugen so ihrerseits zur Vermehrung der Lehrsammlungen bei18. Das war auch im Berliner Theatrum anatomicum der Fall, das 1713 an der Ecke von Dorotheenstraße und Charlottenstraße von Friedrich Wil¬ helm I. „in exercitus populique salutem“, d. h. in erster Linie für die künftigen Armeechirurgen, eingerichtet wurde und die Keimzelle des 1724 eröffneten Collegium medico- chirurgicum und damit der heutigen Militärärztlichen Aka¬ demie bildete. „Der Vorrath der bei dem Theater aufgehobe¬ nen anatomischen Präparaten“, so stellt 1750 der Prosektor des Theatrum, August Schaarschmidt, fest, „welche theils der überaus geschikkte vormahlige Prosector Herr Casse- bohm, theils einige von den Königlichen Pensionair-Chirurgis [d. h. Regimentsfeldscher-Eleven] verfertiget haben, schaffen benebst den vielen curiosis und den zahlreichen Chirurgischen und Physischen Instrumenten dem Theater das allervorzüg¬ lichste Ansehen“19. Der Staat sorgte nicht nur für eine Sicherung des Leichen¬ bezuges für die Präparierübungen. Er ordnete auch 1776 an, daß alle Mißgeburten „dem Professori Anatomiae ab¬ zuliefern“ seien20. Eine Verordnung von 1811, in der diese Anstalt, viele, und zum Theil sehr wichtige Präparate aufgestellet worden; und wenn unser Fleiß nicht erkaltet, so dürfte dieses Museum, in weniger denn zehn Jahren, das erste dieser Art in Europa -werden“ (FRANK, a. a. O., S. 154). 17 F. A. WALTER, a. a. O., S. 30. — Wie lebendig aber auch um diese Zeit noch die Vorhebe für Mißbildungen war, zeigt sehr anschaulich jene Anekdote, die BENEKE von der Witwe des 1803 verstorbenen Sohnes JOH. FRIEDR. MECKELs d. Ä., PHI¬ LIPP RRIEDRICH THEODOR MECKEL, berichtet. Sie soll nämlich, als der Prä¬ parator nach der testamentarisch angeordneten Sektion PHILIPP MECKELs ihr meldete, „daß der ,Herr Jeheimderat, einen überzähligen Brustwirbel gehabt habe, bewegt gesagt haben: ,Ach, wie würde er sich gefreut haben, wenn er das noch erlebt hätte!“1 (BENEKE, a. a. O., S. 128, Anm. 10.) 18 Vgl. WALDEYER, a. a. O., S. 18 ff. 19 Verzeichnis der Merkwürdigkeiten, welche bei dem Anatomischen Theater zu Berlin befindlich sind, S. 8. Berlin 1750. Vgl. dazu WALDEYER, a. a. O., S. 2off. 20 LUDWIG VON RÖNNE und HEINRICH SIMON, Das Medicinal-Wesen des Preussi- schen Staates, Thl. 1, S. 200. Breslau 1844; vgl. auch den ebenda S. 237, Anm. 1, wiedergegebenen §7x8 des Allg. Preuss. Landrechtes von 1794, TI. II, Tit. 20. — Eine](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b30630447_0007.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)