Über der Rückschritt in der Natur / von August Weismann.
- Weismann, August, 1834-1914.
- Date:
- 1886
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Credit: Über der Rückschritt in der Natur / von August Weismann. Source: Wellcome Collection.
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![29] ihre blattwespenartigen Vorfahren besessen haben müssen. Wir sehen an solchen Fällen, dass ein Organ, welches durch Nichtge- brauch rückgebildefc wird, zuerst im ausgebildeten Zustand ver- schwindet, viel später aber auch in seiner ersten Anlage. Diese letztere kann sich noch viele Tausende von Generationen hindurch er- halten, wenn das Organ selbst in seinem ausgebildeten Zustand längst aus der Organisation des Thieres ausgeschaltet ist. Solche rudimentäre, sich nicht weiter entwickelnde Anlagen von Organen sind durch die Entwicklungsgeschichte jetzt schon in einer überaus grossen Zahl nachgewiesen worden. Sie sind begreiflicherweise ein wichtiger Hinweis auf die Vorgeschichte der betreffenden Art, und würden für sich allein schon einen ausreichenden Beweis dafür bilden, wie viele und verschiedenartige Vorfahren einer jeden der jetzt lebenden Arten vorausgegangen sein müssen, und wie ver- wickelte und durchaus nicht immer geradlinige Bahnen die Ent- wicklung der Organismenwelt einhält. Bald war sie vorwärts, bald rückwärts gerichtet, bald nur in einzelnen Theilen, bald im ganzen Organismus. Was die Natur im Laufe unzähliger Genera- tionen gewissermassen mühsam aufgebaut hat: z. B. hochorganisirte Organe der Bewegung, Beine von bestimmter Tragkraft, compli- cirter Gelenkverbindung und Elasticität, genau abgewogener Muskel- stärke, eingerichtet zum Lauf auf der Erde, oder gar Flügel, jene in allen ihren Theilen wunderbar zweckmässig abgepassten Organe zur Ueberwindung der Schwere und zum Emporschwingen in den Luftraum, oder aber jene Organe, die den Thieren die Kunde von der sie umgebenden Aussenwelt übermitteln, jene Augen von un- glaublicher Feinheit der Ausführung, jene Gehörorgane und Ge- ruchsorgane, in deren wunderbare Zweckmässigkeiten erst die lange und vereinte Arbeit unserer besten Forscher einzudringen vermocht hat — sie alle werden sofort wieder aufgegeben und einem lang- samen Zerstörungsprozess überliefert, von dem Augenblick an, in dem sie nicht mehr nöthig sind für die Existenz der Art. Da scheint es denn freilich, als könne eine Entwicklung in solcher Richtung unmöglich als ein Fortschritt bezeichnet werden. In Beziehung auf das einzelne Organ, das schwindet, ist es auch sicherlich ein Rückschritt, allein für das ganze Thier steht die Sache anders. Denn wenn von Ziel und Zweck bei lebenden Wesen ge- sprochen werden soll, so kann der Zweck immer nur das Dasein selbst sein; in welcher Form, in welcher Complicirtheit des Baues, in welcher absoluten Höhe der Leistungen der Organismus ausge-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2230051x_0033.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)