Die spezifizität der serologischen reaktionen / von dr. K. Landsteiner.
- Landsteiner, Karl, 1868-1943.
- Date:
- 1933
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Credit: Die spezifizität der serologischen reaktionen / von dr. K. Landsteiner. Source: Wellcome Collection.
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![Die morphologischen Eigentümlichkeiten der Tier- und Pflanzen- arten sind der Hauptgegenstand der beschreibenden Naturwissenschaf- ten sowie der Schlüssel ihrer Systematik. Erst die letzten Dezennien brachten die Erkenntnis, daß, wie im Reiche der Krystalle, auch bei den Lebewesen Unterschiede des chemischen Baues den Unterschieden der Gestaltung parallel laufen. Dieses Resultat wurde auf einem Umwege gefunden, nicht als das Ergebnis einer daraufhin gerichteten Untersuchung. Den Anstoß gab die bekanntlich zuerst von Jenner bei Blattern prak- tisch verwendete Erfahrung, daß das Überstehen einer Infektions- krankheit öfters eine Immunität hinterläßt, die sich auf die betreffende Erkrankung beschränkt. Das Suchen nach der Ursache der merkwürdi- gen Erscheinung führte zur Auffindung eigenartiger Stoffe im Blutserum, der sogenannten Antikörper, die zum Teil als Schutzstoffe fungieren und außer infolge von Infektionen auch nach Injektion gewisser von Bakterien1, höheren Pflanzen2 und Tieren3 stammender hochmolekularer Gifte (Toxine)4 und abgetöteter Bakterien gebildet werden. Eine neue Ara serologischer Forschung begann mit der in erster Linie Bordet zu verdankenden Entdeckung, daß die Immunisierung gegen Mikrobien und Toxine nur ein besonderer Fall einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit ist, und derselbe Mechanismus zur Wirkung kommt, wenn Tieren orga- nische Materialien, die keine ausgesprochen schädliche Wirkung haben, wie artfremde Eiweißkörper oder Zellen, injiziert werden5. Es entstehen auch dann Antikörper, welche die Zellen zusammenballen (Agglutinine) oder zerstören (Lysine) und die Eiweißkörper fällen (Präcipitine)6. Allen diesen Antikörpern ist die Eigenschaft der Spezifizität gemeinsam, d. i. 1 Behring, Kitasato, Pfeiffer, Metchnikoff, Gruber, Kraus. 2 Ehrlich. 3 Calmette, Phisalix u. Bertrand. 4 Roux. 5 Tschistowhtsch, Bordet, Belfanti u. Carbone, v. Büngern, Land- steiner, Uhlenhuth. 6 Die Stoffe, nach deren Einspritzung Antikörper entstehen, wTerden als Anti- gene (Agglutinogene, Präcipitinogene usw.) bezeichnet, Gifte, unter deren Einfluß neutralisierende Antikörper gebildet werden, als Toxine, die Agglutination von Blutkörperchen und der Austritt von Hämoglobin aus denselben als Hämaggluti- nation bzw. Hämolyse. Für die spezifische Hämolyse und Bakteriolyse durch Serum ist außer den spezifischen Lysinen (Ehrlichs Amboceptoren) ein labiles, in frischem Blutserum enthaltenes Agens, das sogenannte Komplement (Alexin), nötig [s. (1)]. Unter der Bezeichnung ,,normale Antikörper“ vrerden Agglutinine, Lysine](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29808790_0010.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)