Volume 1
Lehrbuch der Physiologie : für akademische Vorlesungen und zum Selbstudium / begründet von Rud. Wagner ; fortgeführt von Otto Funke ; neu herausgegben von A. Gruenhagen.
- Date:
- 1885-1887
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Credit: Lehrbuch der Physiologie : für akademische Vorlesungen und zum Selbstudium / begründet von Rud. Wagner ; fortgeführt von Otto Funke ; neu herausgegben von A. Gruenhagen. Source: Wellcome Collection.
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![Gedächtnis, Gredankenbildung stehen, wie allbekannt, in gleicher Beziehung zu jenem Vorgange, den der Volksmund Übung nennt, und den wir soeben physiologisch zu definieren unternahmen, Reizung und Übung, physiologische Funktion und geistige Thätig- keit sind folglich einander deckende Begriffe. Die experimentell-physiologische Untersuchung verschiedene!-, dem lebenden Köi-per entnommener Organe und Gewebe, namentlich der Muskeln und Nerven, hat uns ferner darüber belehrt, dafs die ihnen zukommenden Lebenseigenschaften in ganz bestimmte]- Be- ziehung zu den Bewegungsformen der Wärme und der Elektrizität stehen. Von der ersteren ist ermittelt, dafs ein gewisser, nur in kleinen Grenzen schwankender Temperatui-grad für die Bntwickelung der nervösen und muskulären Fähigkeiten die günstigsten Aussichten bietet, eine relativ unbedeutende Erhöhung oder Erniedrigung des- selben die Entfaltung jener Fähigkeiten nlerklich beeinträchtigt. Die letztere hat uns mit besonderer Genauigkeit ein, wie es scheint, die lebende Substanz allgemein beherrschendes Gesetz enthüllt, dafs nämlich hauptsächlich der Wechsel in den auf dieselbe ein- dringenden BeM'egungsursachen ihre Energien wachzurufen im stände ist. Ganz die gleichen Verhältnisse, deren Kenntnis wir der Analyse einer grofsen Anzahl A^on Spezialfällen verdanken, treten uns aber von neuem entgegen, wenn wir die Gesamtleistung des menschlichen Geschlechts überblicken. Die höchste Kultur, die höchste geistige Entwickelung, die höchste Leistungsfähigkeit kommt wahrlich nicht jenen Völkerstämmen zu, welche den Extremen irdischer Wärme ausgesetzt sind, sondern denen, welche die tem- perierten Breiten unsrer Erde bewohnen, und eine alltägliche Erfahrung zeigt uns ferner, dafs die Frische unsers Denkens und Treibens imauf löslich verknüpft ist mit dem Wechsel von Thätigkeit und Ruhe, von Arbeit und Mufse. Aus diesem allen ist zu ent- nehmen erstens, dafs die Beziehungen zwischen physiologischen Einwirkungen und Lebensfunktion der lebenden Körperteile, welche das Experiment an den Tag gelegt hat, gleiche Gültigkeit besitzen für die Auffassung und physiologische Beurteilung der im unversehi-ten Individuum sich entwickelnden Thätigkeitsfolge. Zweitens aber drängt sich uns folgender bedeutsamere Schlufs auf. Die Verändeiung der physiologischen Eigenschaften eines Gewebes oder Organs dui-ch physikalische Kräfte beruht notfl'endigerM-eise auf einer Zustandsänderung des Substrates. Eine Zustandsänderung wiederum kann nicht anders vorgestellt werden, als bedingt durch eine Modifikation der molekularen Schwingtmgen, in Avelchen sich alle Materie, auch die lebende, ergeht, entspricht also stets einer Bewegungsänderung. Wenn nun rein physikalische Ki-äfte, Wärme, Elektrizität u. s. f., die Bewegung der lebenden Substanz ihrer Form oder Intensität nach umzugestalten vermögen, Avenu anderseits hiermit unmittelbar eine Modifikation der physiologischen Funktion](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21925744_0001_0020.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)