Impulshandlungen: Wandertrieb, Dipsomanie, Kleptomanie, Pyromanie und verwandte Zustände / [Wilhelm Stekel].
- Wilhelm Stekel
- Date:
- 1922
Licence: In copyright
Credit: Impulshandlungen: Wandertrieb, Dipsomanie, Kleptomanie, Pyromanie und verwandte Zustände / [Wilhelm Stekel]. Source: Wellcome Collection.
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No text description is available for this image![Hunger ist kein Trieb, ebenso wie L i e b e kein Trieb ist. Freud z. B. spricht von Sadismus und Masochismus, von Hunger und Liebe als von Trieben ; oft zitiert man die berühmten Verse von Schiller, in denen Hunger und Liebe das Weltgetriebe erhalten. Aber was einem Poeten erlaubt ist, der Metaphern und Symbole gebrauchen darf, das hat keinen Platz in dem nüchternen Lichte der Wissenschaft. Der Hunger ist nur der Ausdruck eines Bedürfnisses, wie Freud sagt, eines Triebreizes. Der Trieb wirkt nach Freud nicht wie eine momentane Stoßkraft, son- dern immer wie eine konstante Kraft. Der Triebreiz, das Bedürfnis führe auf dem Wege des Triebes zu einer Befriedigung. Wenn der Hunger kein Trieb ist, was ist er denn ? Er ist der Aus- druck eines Bedürfnisses. Das Hungergefühl wird biologisch-organisch ausgelöst durch Chemismen im Magen. Diese Chemismen wirken als leichter Anreiz (Appetit), steigern sich zu Hunger und können mit hef- tigen Unlustgefühlen verknüpft sein. Es ist bekannt, daß Menschen ohne Appetit zu bestimmten Stunden essen, um der Unlust des starken Hungers zu entgehen. Andere suchen diese Unlust, weil die Aufhebung der Unlust, die Nahrungsaufnahme, dann mit besonderer Lust verbunden ist. Aber diese Vorgänge sind nicht mehr reine Triebvorgänge, sie sind schon psychisch kompliziert. Das ist das Entscheidende der ganzen Frage. Um den Trieb zu verstehen, müssen wir biologisch auf die niederste Stufe des Lebens, auf das Protozoon zurückgehen. Ein „Lebewesen“ unterscheidet sich von toter Materie dadurch, daß es auf Beize der Außenwelt reagiert. Jede Zelle reagiert auf einen Beiz mit Erregung; steigert sich der Beiz, so kommt es zur Lähmung. (Max Verworrn.) Erregung und Lähmung sind die primitiven Ausdrucksformen des Lebens. Können wir der In- fusorie einen Trieb zuschreiben ? Selbstverständlich. Was sie treibt, Fortsätze auszustrecken und einzuziehen, sich ein Körnchen Nahrung einzuverleiben, ist ein Trieb. Aber der Trieb ist an das Stückchen Materie gebunden, er ist ihr immanent. Der Trieb ist das Zeichen des Lebens, ] a er ist das Leben selbst. Der Trieb ist die uns unbekannte Energie des Lebens, die latent und konstant ist und sich äußert, sobald das Leben in Gefahr ist. Die größte Gefahr ist der Hunger, das Sterben an Mangel neuer Aufbau- stoffe, welche den Zerfall ersetzen sollen. Denn Leben ist ein fortwäh- render Wechsel von Zerfall und Aufbau des Protoplasmas. Der Trieb ist eine Eigenschaft des Protoplasmas, ist eine orga- nische Eigentümlichkeit des Körpers. Das Protozoon fühlt den Hunger nicht. Das Protoplasma arbeitet im vitalen Interesse ohne die Inter- ferenz einer dirigierenden Instanz. Erst mit dem Ausbau der Empfin-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29817031_0018.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)