Bericht über die Zusammenkunft einiger Anthropologen im September 1861 in Göttingen zum Zwecke gemeinsamer Besprechungen / erstattet von Karl Ernst von Baer und Rudolph Wagner.
- Baer, Karl Ernst von, 1792-1876.
- Date:
- 1861
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Credit: Bericht über die Zusammenkunft einiger Anthropologen im September 1861 in Göttingen zum Zwecke gemeinsamer Besprechungen / erstattet von Karl Ernst von Baer und Rudolph Wagner. Source: Wellcome Collection.
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![könnte man verzweifeln, dass ein g-eniigendes Material von dem Verlaufe von Jalir- liimderten lierbeigeschalft werden könnte/' „Allein diese Besorg^niss kann doch nur ernstlich werden und sollte uns in der That erfüllen, wenn Avir versuchen, alle Variationen des g’esammten ]\Ienschenge- schlechts vollständig aufzuführen und nach dem Körperhau im Einzelnen zu schil- dem. Gehen unsre Aufgaben mehr ins Einzelne, so lässt sich oft genügendes j\Ia- terial herbeischatfen, wenn auch nicht immer sogleich, so doch allmählich, wenn das Streben darauf gerichtet ist. „Wir haben soeben erAvähnt, dass die vergleichende Anthropologie, indem sie auf einzelne Fragen einging, die Ergebnisse der Sprachforschung für die Wahrscheinlich- keit sehr alter und fortgesetzter Einwanderungen aus Asien bestätigt nnd nnr noch einige Schwierigkeiten zu lösen sind. Sie hat aber sehr viel mehr geleistet. Sie hat die Geschichte der Menschen in Europa und somit des ganzeii Menschenge- schlechtes um ein Bedeutendes verlängert. Kaum hatte der Alterthumsforscher Thom- SEN in Copenhagen, die in der dortigen Sammlung aufgespeicherten Gräberfunde über- blickend, ansgesprochen, es müsse der Zeit, seit welcher das Eisen in Gebrauch ist, eine lange Periode vorangegangen sein, in welcher man dieses Metall nicht kannte, dagegen Kupfer und Kupfergemische, zuweilen auch Gold, verarbeitete, und dieser Zeit wieder eine andere, in welcher die Leute nur Werkzeuge von Stein und Knochen hatten, und dass man diese Perioden die Steinperiode, die Bronzei)eriode und die Eisenperiode nennen möge, so konnten Nilsson und Retzius den BeAveis führen, dass wenigstens in ScliAvedeii die Menschen der Steinperiode ganz A^erschieden Avaren von den jetzigen Schweden, die Menschen der Bronzeperiode den letzteren ähnlicher, aber doch noch merklich verschieden. Diesen BeAveis von grossen Einwanderungen neuer Stämme und Vertilgung oder Verschiebung der früheren Bewohner hätte die Ai-chäo- logie allein nicht führen können. Dazu \Amr die Vergleichung der Knochenreste durch Anatomen nothwendig. Dass spätere Untersuchungen gelehi-t haben, Avie jene grossen Perioden sich wieder in Unterabtheilungen bringen lassen, aber auch nicht so schaif geschieden sind, als man früher geglaubt haben mochte, sondern in einander über- gehen, indem die Bronze nur langsam die Stein- und Knochenwerkzeuge verdrängte und dagegen noch im Gebrauche blieb, als schon das Eisen bekannt aa ar, gehört nicht hieher; wohl aber kann ich nicht unerAA'ähnt lassen, dass die Untersuchung der mensch- lichen Knochenreste neue Resultate gegeben und neue Aufgaben gestellt hat und da- durch eine neue Wissenschaft zu ei’Avachsen scheint, Avelche unser Freund Wagner die historische Anthropologie nennt. ,,Dieser Zweig der Anthropologie kann nicht umhin, der Probirstein und die Leuchte für anthropologische Eorschungen zu werden und die Geschichte iinsers Ge- schlechtes in Zeiten zurückzuführen, über welche die schriftlichen Zeugnisse nichts aus- zusagen vermögen. Soeben bin ich beschäftigt, eine Koptform aus der Bronzezeit](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2239249x_0017.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)