Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes / von P.J. Möbius.
- Möbius, P. J. (Paul Julius), 1853-1907.
- Date:
- 1902
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Credit: Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes / von P.J. Möbius. Source: Wellcome Collection.
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![strengungen erholt hat? Ich meine nicht, dass die Frauen noch grosse lmnina werden sollen, sondern, dass sie nicht absolut der progressiven Verdummung anheim fallen. Ich habe drei schwere Wochenbetten durchgemacht und bin phy- sisch, wie auch psychisch schon recht weit herunter gewesen. Ich habe mich aber in dem einen, wie im anderen Sinne wieder durchgearbeitet. Mein Geist hat nicht nur nicht gelitten, sondern er ist durch Leiden gewachsen. Es ist mehr Ernst und Nachdenken in mich gekommen. Ich habe keine Freude mehr an Äusserlichkeiten, Nichtigkeiten und oberflächlichem Geschwätz; ich möchte lernen, Erfahrungen sammeln und die combinieren. — Da bin ich wohl entartet? Ich bin aber vom Blaustrumpf weit entfernt. Nicht vieles möchte ich wissen, sondern meinen Verstand — so weit er reicht — ausbilden, um mir einigermassen ein Bild dessen zu machen, was mich umgiebt. — Man sollte jedes Mädchen, neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen, nur das lernen lassen, was sie reizt. Die Mädchen würden sich individueller entwickeln und wir würden keine Schablonen- puppen erhalten, die kurzsichtig, engbrüstig und nervös wären. Mein Töchterchen habe ich vor Jahresfrist aus der Schule genommen, weil sie zu wenig ass und körperlich nicht vorwärts kam. (Sie ist ein Sechsmonatskind, hat 180 gramm gewogen und war 25 cm lang1). Sie frisst förmlich, seitdem sie die Schulbänke hinter sich gelassen hat, und hat sich prächtig entwickelt. Trotzdem sie in diesem Jahre circa 24 cm gewachsen ist, sind die Muskeln prächtig im Stand; das Kind ist frisch und munter und concentriert sich in der einen Stunde, die sie täglich hat, vorzüglich, während ihre Gedanken in der Schule in alle Windrichtungen zerflatterten. Die Kleine ist sehr musikalisch; sie hat heute ihre 8. Halbstunde gehabt, spielt Sana- tinen [sie!] von Clement! und baut Dreiklänge und deren Umkehrungen mit Leichtigkeit auf. Das Talent hat sie — ich kann Ihnen leider nicht helfen — von mir. Ich spielte als vierjähriges Kind alles nach dem Gehör. Bei mir stammt die Vererbung allerdings vom Vater. Das musikalische Plus bezahlen wir aber alle mit einem mathema- tischen Minus. Verzeihen Sie diesen Überfall und haben Sie Dank für ihre Schriften. 1) Die Zahlen sind natürlich falsch. Ein Kind von 6 Monaten wiegt 800—1000 g und ist etwa 35 cm lang. Hofbuchdruckerei c, A- Kaemmerer & Co., Halle a. Sä.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21170411_0105.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)