Gehirn und seele : Vortrag gehalten bei der 66, versammlung deutscher naturforscher und ärzte in Wien am 26. september 1894 / von August Forel.
- Forel, Auguste, 1848-1931.
- Date:
- 1894
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Credit: Gehirn und seele : Vortrag gehalten bei der 66, versammlung deutscher naturforscher und ärzte in Wien am 26. september 1894 / von August Forel. Source: Wellcome Collection.
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![Hochverehrte Anwesende! Die Gedanken, die ich eben entwickelt habe, schweben mehr oder weniger überall in der Lutt. Die moderne Psychologie hat sich bereits sehr von der starren alten JMetaphysik entfernt und nähert sich immer mehr der Naturwissenschaft. Eine bedeutende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten und socialer l'ewcgungen sind bereits, im Sinne des Gesagten, entstanden, und ich bitte Sie um Nachsicht, wenn mir \'ieles entgangen ist, worüber sich Andere schon besser ausgedrückt haben. Ich erwähne nur noch Sigmund Exner's neuesten Entwurf einer physiologischen Erklärung der physischen Erscheinungen. Doch glaubte ich , es sei einmal am Platz, beim heutigen Stand unserer Kenntnisse über das Gehirn, seine Function und seine Krankheiten, die Fragen seines Ver- hältnisses zu den seelischen Erscheinungen an diesem Ort zu besprechen. Wir müssen nun zum Schluss unserer Betrachtungen eilen. Die- selben ■ scheinen mir zu zeigen, wie sehr das Studium unserer mensch- lichen Gehirnseele mit allen Disciplinen des menschlichen Wissens Be- rührung zeigt und daher geeignet ist, uns vor Facheinseitigkeit zu bewahren. Möge daher das Studium einer naturwissenschaftlichen oder experimentellen Psychologie, sowie der Erkenntnisstheorie bei allen Facultäten gefördert werden. Ferner führen sie uns immer mehr zu einer monistischen Welt- anschauung, welche geeignet erscheint, die Grundlagen einer wahren Religion und Ethik mit der Wissenschaft zu versöhnen, wenigstens beide wieder näher zu bringen. Hierzu ist es freilich nöthig, dass die Theologie ihren Glaubens-Dogmatisnius verlässt, und dass die Natur- wissenschaft und vor Allem die Medicin ihren heute so gangbaren cynischen, auf reine egoistische Genusssucht hinzielenden Materialismus preisgiebt. Schade ist es Avahrhaftig nicht darum, denn er führt die Menschen nicht zum Glück, sondern durch alkoholische und andere Ver- giftungen des so fein organisirten Menschengehirnes und des ganzen Körpers zu einer progressiven, zugleich seehschen und körperlichen Entartung. (Siehe den geistig entarteten F r. N i e t z s c h e und die heutige Decadence-Schule.) Wir machen Front gegen jeden erzwungenen Götzendienst ver- alteter, unhaltbarer, kindlicher Legenden und dogmatisirter Vorstellungen über anthropomor}ihisc]ie Eigenschaften und Eingriffe einer angeblichen, mit menschlichen Schwächen ausgestatteten exteriorisirten oder persön- lichen Gottheit. Wir verehren dagegen in tiefster Demuth die ewige, überall in jedem Weltatom sich oft'enbarende, aber nirgends als per- sönlicher Dens ex machina erscheinende, unergründliche Allmacht des allgegenwärtigen und unendlichen Gottes M, der zugleich die Ursache des 1) Pantheismus sei gleich Atheismus, wird oft entgegnet. Hundert Mal nein! Freilich giebt es viele philosophische angebliche ,Atheisten', die sich](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21222228_0034.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)