Gehirn und seele : Vortrag gehalten bei der 66, versammlung deutscher naturforscher und ärzte in Wien am 26. september 1894 / von August Forel.
- Forel, Auguste, 1848-1931.
- Date:
- 1894
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Credit: Gehirn und seele : Vortrag gehalten bei der 66, versammlung deutscher naturforscher und ärzte in Wien am 26. september 1894 / von August Forel. Source: Wellcome Collection.
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![bleiben*); die gröbsten, vor Allem Kant, kamen zu der höchsten Er- kenntniss, dass sie über das Ding an sich nichts wussten, dass der Mensch sich mit dem Erforschen und Erkennen der von ihm wahr- genommenen Erscheinungen und ihrer Verhältnisse bescheiden be- gnügen muss und das unlösbare metaphysische Problem Gottes eben nicht lösen kann. Unsere menschliche Gehirnseele ist aber als eine Theilerscheinung des ^^'eltalls. durchaus nicht als etwas an und für sich von ihm Verschiedenes zu betrachten. Sie ist in unserm Sinne göttlich, wie das Weltall, nicht aber etwas an und für sich Höheres als die übrigen Welterscheinungen. Freilich ist sie die comj)licirteste und höchste der uns bekannten W^elterscheinungen; doch ist auch ihr Organ, das Gehirn, die weitaus coniplicirteste und höchst entwickelte Organisation des uns bekannten W^eltstofFcs, so dass auch hierin durchaus kein Missverhältniss zwischen Gehirn und Seele herrscht. Es liegt somit kein Grund vor, einen besonderen dualistischen SeelenbegrifF einem anderen Begriff, den man seelenlose Materie nennen will, entgegen zu stellen. Jede Seelenerscheinung hat ihre materielle Erscheinungskehrseite; jede materielle Erscheinung hat im weiteren Sinne des Wortes ihre seelische, wenn auch meistens viel elementarere Erscheinungskehrseite — darüber später mehr (S. 26 und 27). Aus dem Gesagten folgt unzweideutig, dass die P]rforschung der Seelenerscheinungen, sowohl von innen, als Bewusstseinsspiegelung, durch die Psychologie, wie von aussen, als Gehirnthätigkeit, durch die Gehirnphysiologie und die Psychophysiologie, in das Bereich der beschreibenden und experimentellen, wissenschaftlichen Naturforschung gehört. Betrachten wir nun das Organ der Seele, das Gehirn. Ich kann von dieser Stelle aus nicht damit beginnen, ohne des leider verstorbenen grossen Wiener Gehirnforschers Meynert zu gedenken, dessen Schüler gewesen zu sein ich die Ehre habe, und der durch seine genialen Anschauungen und Forschungen, nach dem ihm als Muster dienenden Karl Friedrich Burdach, vielleicht am meisten dazu beigetragen hat, die Einheit von Gehirn und Seele darzuthun. Ontogenetisch aus dem äusseren Keimblatt des Embryos, phylo- genetisch aus differenzirten Epithelzellen sich entwickelnd, erscheint das Nervensystem als ein Abkömmling gewöhnlicher thierischer Zellen» deren Grundeigenschaften oder plasmatische Urpotenzen es somit be- sitzen muss. Seine Specialeigenschaft besteht jedoch in der Fähigkeit ^) Die unersättliche, jilastische, kinetische Tendenz des Weltalls, die Schopenhauer im menschlichen Willen potenzirt erkannte, brachte ihn dazu, den Begriff des Willens so zu erweitern, dass er ihn mit dem metai^hysischen Weltprincip identificirte. Ch. Secretan's „Freiheit kann auch in ähnlichem Sinne aufgefasst werden.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21222228_0018.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)