Das Anpassungsproblem in der Physiologie der Gegenwart : ein Essay / von Armin Tschermak.
- Tschermak-Seysenegg, Armin von, 1870-1952.
- Date:
- [1904]
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Credit: Das Anpassungsproblem in der Physiologie der Gegenwart : ein Essay / von Armin Tschermak. Source: Wellcome Collection.
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![das Lebensalter. Im allgemeinen bedeutet Jugend raschere und 'weitergehende Adaptationsfähigkeit. Durch die geänderte Reaction auf neuerliche Reize, durch die nunmehr geänderten Valenzen derselben Reize wie zuvor verräth der neue Zustand seine Besonderheit, die wir im Detail charakterisieren nach den phaenomenalistisch zunächst gesonderten Einzelvermögen wie Anspruchsfähigkeit für natürliche wie künstliche Reize, Leistungsfähigkeit, Leitungsvermögen, Rhythmik, nach Vertheilung der elektrischen Spannung, welch letztere wir, allerdings nicht einfach parallel, mit der Leistungsfähigkeit des Muskels sich ändern sehen [Bernstein und Tschermak9)]. Das bisherige Bestehen eines neuen Zustandes documentiert sich nicht weniger deutlich dadurch, dass eine weitere Aenderung der äusseren Bedingungen, speciell der Wegfall des „überwundenen“ Reizes eine neuerliche Störung, eine Oeffnwngsrcadion zur Folge hat — und zwar auch dann, wenn die voraus — gehende Adaptation noch keine vollkommene oder vollendete war. Es sei nur an die subjective Erscheinungsweise der Oeffnungsreaction als Nachbild inner- halb des Gesichtssinnes erinnert, mit seinem selbsständigen Ablaufe der farb- losen und der farbigen Compouenten (C. Hess16), mit seinem wesentlich ge- gensätzlichem Charakter an Helligkeit, Farbe, Bewegungsrichtung nach länger- dauernder Reizung. Analoge Nachbilder bieten die Temperatur-, die Drehungs- und Fortbewegungsempfindungen. Auch der interessanten Erscheinung sei gedacht, dass die bei Dauerreizung eintretende Steigerung der gegensinnigen Erregbarkeit schliesslich, noch bei Fortbestehen des Reizes, zu einer „spon- tanen“ gegensinnigen Erregung selbst führen kann: das Hervortreten des nega- tiven Nachbildes noch während der Betrachtung des Vorbildes, die simultane Lichtinduction oder gleichfarbige Induction nach Hering17). Dass die Oeffnungszuckung bei Anwendung des constanten Stromes, die elektrotonisehen Nachwirkungen, ebenso die noch genauer zu studierenden Folgeerscheinungen bei Aufhebung eines tonischen Innervationsverhältnisses sich derselben Betrachtungsweise fügen und dadurch ein weiteres allgemein- physiologisches Interesse gewinnen, sei nur kurz erwähnt. Haben wir doch gerade in der Anwendung des constanten Stromes auf Nerv und Muskel ein vorzügliches didaktisches Mittel, um die Grundbegriffe der allgemeinen Reiz- und Adaptatiouslehre zu veranschaulichen lind einzuprägen. Am besten demon- strieren wir als Gegenstück zugleich die Wirkung eines mässig satten Farb- glases auf das Auge: die Phase der Reizwirkung, individuell verschieden lang, und dadurch erinnernd an die verschiedenrasche Adaptation des Praeparates vom Warmfrosch und Kaltfrosch an den constanten Strom — weiterhin das Stadium der vollendeten Adaptation, endlich den gegensinnigen Oeffnungseffect. Nicht minder lehrreich ist die Parallele des subjectiven und des objectiven Er- scheinungsgebietes für das Phaenomen des Einschleichens d. h. des Ausbleibens einer sinnfälligen Reizwirkung, wenn der Reiz so langsam anwächst, dass das](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22476167_0008.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)