Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau.
- August Weismann
- Date:
- 1904
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Credit: Vorträge über Deszendenztheorie : gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau. Source: Wellcome Collection.
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![Kinleituntr. H Stehen: die Lebcwelt von lieutc ist entwickelt, nielit aber auf einmal entstanden. Soll ich Ihnen im voiaus schon einen ungefähren Ueiirit! von der Sicherheit geben, mit der wir auf diesem Boden fußen dürfen, so l»in ich fast in \'erlegenheit wegen der Überfülle von Tatsachen, aus denen ich da schö])ten kann. Sie werden heute kaum irgend eine grohie oder kleine Arbeit über die feineren oder gröberen Bauverhältnisse oder die Entwicklung irgend eines Tieres in die Hand nehmen können, ohne darin Belege für die Kvolutionstheorie zu finden, d. h. Tatsachen, welche sich nuj- unter \'oraussetzung einer Entwicklung der Lel)ewelt verstehen lassen, gar nicht zu reden von den unausgesetzt sich mehrenden Tat- sachen, welche die Paläontologie ans Licht bringt, und die ja direkt uns die Objekte vor Augen stellen, welche die Entwicklungslehre als die \'orfahren der heutigen Organismenwelt postulieit: Vögel mit Zähnen im Schnabel. Reptilien, die mit Federn bekleidet waren und zahlreiche andere, längst ausgestorbene Lebensformen, welche, vom Schlamm früherer (iewässer zugedeckt und später im Sedimentgestein emporgehoben, als ..Versteinerungen uns davon Nachricht geben, wie die früher lebende Tier- und Pflanzenwelt beschatten war, Sie werden später sehen, daß auch die geographische Verteilung der Pflanzen- und Tierarten der heutigen Lebewelt nur unter der Voraussetzung, daf] dieselbe entwickelt ist, sich verstehen läßt. Was aber einstweilen, ehe ich Sie in das ein- zelne noch eingeführt habe, meine Behauptung in Ihren Augen am l)esten rechtfertigen wird, ist der Umstand, daß die Entwicklungslehre auch \oraussagen erlaubt. Nur wenige Beispiele! Das Skelett der Handwurzel bei allen Wirbeltieren aufwärts von den Fischen besteht aus zwei Reihen kleinei- Knochen, auf deren äußerer dann die fünf den Fingern entsprechenden Mittelhandknochen aufsitzen. Die äußere Reihe vei'läuft bogenförmig und es lileibt so eine Lücke zwischen beiden Reihen, welche bei Am- phibien und Reptilien duich einen besonderen kleinen Knochen ausge- füllt wird. Dieses .,0s centrale fehlt nun bei vielen Säugetieren, wie vor allem beim Menschen, und die Lücke zwischen l)eiden Knochen- reihen ist hier durch ^'ergrößerung eines der anderen Knochen ausge- füllt. Wenn nun die Säuger von niederen Wirbeltieren abstammen, wie die Deszendenzlehic es annimmt, so mußte man erwarten, das Os cen- trale in Jugendstadien auch des Menschen noch vorzufinden, und es ist denn auch nach man-chen vergel)lichen \'ersuchcn zuletzt von Rosenher« wirklich gefunden worden, und zwar in einer sehr frühen Periode der Eml)rvonalentwicklnng. Dieser \orhersage. wie auch den iilcich noch weiter zu erwähnen- den, liegt die Eifahrung zugiunde. daß die Entwicklung des einzelnen Tieres im allgemeinen densejlxMi Weg einhält, den die Stammesentwick- lung dei- Art genommen hat. so daß also Bildungen der \ orfahren einer Art. wenn sie auch in dem feitigen Tier nicht mehr eiilhalten sind, doch in irgend einem frühen Entwicklungs>tadium desselben vorkommen. Wir werden diese Erlaliniiig später als biogenefisclu's (iesetz näher kennen lernen: sie allein würde fast scli«»n licnüuen. um die Evolutio:is- lehre sicher zu stellen. So .itmcM /. 1'.. die niedersten Wirbeltiere, die P'ische, durch Kiemen, und die-e dire .\tnningsor}.'ane stehen aut \ ier oder mehr sog. Kiemeidiogen. zwix-lien denen S|ialten /.um Durch>tr<>i!ien des Wassers frei bleiben, die K ienien>palten. Obgleich nun die Rep- tilien. \'öuel und Sätiirer diiicli IjiiiL'en atmen und zu keiner Zeit iliie-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20996330_0019.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


