Beziehungen der Luft zu Kleidung, Wohnung und Boden : drei populäre Vorlesungen gehalten im Albert-Verein zu Dresden am 21., 23, und 25. März 1872 / von Dr. Max v. Pettenkofer, mit in den Text eingedruckten Holzstichen.
- Pettenkofer, Max von, 1818-1901.
- Date:
- 1872
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Credit: Beziehungen der Luft zu Kleidung, Wohnung und Boden : drei populäre Vorlesungen gehalten im Albert-Verein zu Dresden am 21., 23, und 25. März 1872 / von Dr. Max v. Pettenkofer, mit in den Text eingedruckten Holzstichen. Source: Wellcome Collection.
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![Namentlich ist ungleichseitige Abstrahlung schädlich, Sitzen oder Liegen an einer kalten Wand, die nicht mit schlechten Wärmelei- tern bedeckt ist, am Fenster u. s. w. [In den Schulbänken werden an den Eckplätzen namentlich die gegen die Fensterseite gekehrten Körpertheile der Kinder immer etwas anders entwärmt, als die einem Nachbar zugekehrten.] Es giebt da überhaupt eine grosseAnzahl von praktischen Fällen, die lange noch nicht gehörig gewürdigt sind. Betrachten wir nun einige Fälle, in denen die Entwärmung durch Verdunstung in den Vordergrund tritt, oder vorwaltend em- pfunden wird. Am bekanntesten ist das Experiment, das man oft im Freien bei ganz ruhiger Luft und wolkenlosem Himmel macht, um zu erkennen, von welcher Seite die Luft kommt. Man befeuch- tet den Zeigefinger und streckt ihn in die ruhige Luft empor. Man spürt dann in der Regel den Finger an einer Seite kühler werden, das ist die Seite, von welcher die Luft kommt, in welcher mehr Wasser verdunstet. Ist die Luft verhältnissmässig trocken, so geht das Experiment immer sehr gut, ist sie aber mit Wasserdunst schon ganz oder nahezu gesättigt, dann gelingt es schlecht, weil vom Finger zu wenig Wasser verdunstet, um deutlich fühlbare, ver- mehrte Abkühlung zu erzeugen. Ganz ähnlich verfährt unser Organismus in allen Fällen, wo entweder im Innern mehr Wärme erzeugt wird als gewöhnlich, oder wo die beiden anderen Wege weniger Wärme abführen. Unser Organismus besitzt die Fähigkeit, die feinsten Blutgefässe in der Haut und in den inneren Organen zu erweitern und zu ver- engern. Die Gefässnerven, welche diese Bewegungserscheinungen auslösen, heissen vasamotorische, sie sind zwar unserer Willkür ent- rückt, aber sie werden von äusseren Einflüssen, sogenannten Reizen, zu unwillkürlichen Reflexbewegungen veranlasst. Wer erröthet, dem gehen buchstäblich auch die Hitzen aus, dessen Blutgefässe in der Haut der Wangen erweitern sich und es strömt mehr Blut nach der Pe- ripherie und fliesst dadurch mehr Wärme ab. Unter ähnlichen Um- ständen strömt in Folge vasamotorischer Nerveneinflüsse überhaupt mehr Blut in die Haut und nach der Oberfläche als sonst, die ganze Oberfläche unseres Körpers wird so zu sagen wärmer und wasser- reicher, es kann nicht bloss mehr Wärme durch Strahlung und Lei- tung abgegeben werden, sondern es verdunstet in gleicher Zeit auch viel mehr Wasser. Welchen Werth für die Entwärmung die Verdunstung hat, kann daraus abgenommen werden, dass ein Gramm Wasser, um gasförmig zu werden, 560 Wärmeeinheiten bindet, oder absorbirt.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21072036_0023.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)